Welchen Stellenwert besitzt die Vielfalt der Völker und Kulturen der Menschheit, und welche multinationalen Strukturen bedrohen sie? Welche geistigen und politischen Strömungen bejahen und fördern die kulturelle Selbstverwirklichung der Völker, und welche tendieren zu Uniformierung und Vermassung? Brennend aktuelle Fragen, die nicht nur für die um den Bestand ihrer Eigenart ringenden Völker der „Dritten Welt“ von lebenswichtigem Interesse sind. Henning Eichberg, Dozent an der Universität Stuttgart, ist ihnen in seinem Buch "Nationale Identität" (Langen-Müller-Paperback 1978) nachgegangen.

Grundsätzlich - wer wollte das bestreiten - sind alle Kulturen und Nationen gleichberechtigt. Die Möglichkeiten, Mensch zu sein, sind vielfältig und die Unterschiede zwischen den Völkern schwerwiegender als bei oberflächlicher Betrachtung oft angenommen. Das ist die Grundeinsicht des Ethnopluralismus.

Im Gegensatz zu dieser allgemein akzeptierten Überzeugung sieht der Autor den europäischen Menschen auf dem besten Wege, eben diese Kulturenvielfalt zu zerstören und gleichzuschalten. Es begann mit dem „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“, führte zu den Konquistadoren bis hin zu Amerikas „To make the world safe for democracy“ und dem russischen Ziel der Weltrevolution. Welcher Teufel ist es, der uns Abendländer zu der Überheblichkeit verleitet, fremde Kulturen als Barbaren, Heiden, Wilde zu denunzieren und zu glauben, diese wären glücklicher, wenn sie die „Segnungen“ unserer Zivilisation und Ideologie genössen?

Überheblicher Universalismus

Henning Eichberg weiß es: Der Teufel heißt Universalismus; er versteckt sich in den abendländischen Weltanschauungen wie dem Christentum, dem kapitalistischen Liberalismus oder dem Marxismus. Allen diesen Doktrinen gemeinsam ist der Drang, keine Götter neben sich zu dulden, vor allem nicht die angestammten Überzeugungen der zu Bekehrenden. Mit derselben selbstsicheren Überheblichkeit, wie weiland die christlichen Missionare den Heiden ihren Gott brachten, meinten die Deutschen gelegentlich, an ihrem Wesen müsse die Welt genesen (in ihrer sächsisch-marxistischen Spielart heute noch), meinen die Amerikaner, ihr „Way of life“ eigne sich hervorragend als Exportartikel, sei es für unterworfene Länder wie Deutschland, sei es für sogenannte Entwicklungsländer. Und damit sind wir schon beim Kern des Problems, denn ohne weiteres einsichtig ist, daß die kapitalistischen Industrieländer ein vitales Interesse daran haben, auch der letzte Indio oder Buschmann möge ein glücklicherer Mensch sein, wenn er alle Produkte westlichen Know-hows kauft: von Coca-Cola bis zum Schützenpanzer. Damit er dies kann, muß ihm notfalls „Entwicklungshilfe“ gewährt werden.

Daß dabei zwangsläufig sämtliche kulturellen, religiösen, stammesmäßigen und sozialen Grundlagen der fremden Völker vernichtet werden, stört dabei wenig. Was da schon mehr ärgert, sind diese unverständlichen Versuche der Wilden, „wild“, „primitiv“ und „unterentwickelt“ zu bleiben. Da wollen doch tatsächlich Millionen von Persern geradewegs zurück ins Mittelalter!

Die Völker wollen bei sich selbst zu Hause sein. Lassen wir uns, befangen im Nationalmasochismus des bestraften Deutschland der Nachkriegszeit, nicht täuschen: Für die überwältigende Mehrheit der Menschen bildet ihre Zugehörigkeit zur engeren ethnischen Gemeinschaft, gerade ihren - und keinen anderen - Überlieferungen, ihrer Kultur und Tradition, die Bewahrung ihrer nationalen Identität die politische Kardinalfrage. Sie ist entscheidend für ihr Überleben, ihr Überleben als Kambodschaner gegenüber Vietnam, als Indio gegen die Einwanderer, als Litauer gegen die brutale Russifizierung, als Südtiroler gegen die Italienisierung. Der westliche Hyper-Industrialismus, der mittlerweile ein Eigenleben auf Kosten seiner Völker führt, wie auch der marxistische Messianismus des Ostens, der in der Form des Sowjetimperialismus ebenfalls wie ein Moloch über seinen Völkern schwebt, sie sind die wahren Feinde der Völker, weil sie keine Völker kennen. Sie kennen nur Konsumenten oder „Klassenbrüder“.

Wer aber von den Völkern schweigt, soll nicht von den Menschen sprechen. In erster Linie gebührt jedem das Recht, sich gemäß seiner Eigenart selbst zu verwirklichen, als Massai, als Indianer, als Baske, Kirgise, Elsässer. Solange ihm dieses fundamentale Menschenrecht genommen ist und ihm fremde Lebens- und Denkweise aufgezwungen wird, ist jeder „Klassenstandpunkt“ für ihn zweitrangig, möglicherweise aber auch das, was uns als westliche „Lebensqualität“ oder demokratisches Recht unverzichtbar erscheinen mag. Wenn Millionen Araber es wollen, daß Verbrecher nach den Gesetzen des Korans Strafen erleiden, die uns „unmenschlich“ erscheinen - sollen sie doch! In Wahrheit denken sie lediglich uneuropäisch, und das ist ihr gutes Recht. Zeit und Raum, Ordnungsdenken und Sprachstruktur sind kulturrelativ, wie Henning Eichberg nachweist. Wir dürfen uns nicht länger anmaßen, uns selbst als Maß aller Menschen zu setzen. Andernfalls wird es tatsächlich eines Tages eine „One world“ geben, eine einheitliche Welt dieser oder jener Couleur - vielleicht schon 1984.

Setzt sich hingegen der Ethnopluralismus als politisches Prinzip im Leben der Völker durch, dann gibt das gerade auch uns Deutschen neue Hoffnung: Wie wir einmal selbst den europäischen Osten „germanisieren“ wollten, so sind wir heute mehr oder weniger amerikanisiert bzw. russifiziert, aufgeteilt in verschiedene Staaten und Gebiete und der nationalen Selbstbestimmung beraubt. Eine Welt, in der jedes Volk seinen selbstverständlichen Platz hat, wird auch dem deutschen Volk seinen Platz und seine Freiheit wiedergeben.