Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 20–23
Die Gedanken sind frei
Die Götter bleiben in ihren Gräbern
Wenn sich Gläubige verschiedener Weltanschauungen mit ihren „Göttern“ und deren Gesetzen wappnen, empfinden sie jeden Angriff auf diese Götter als Angriff auf ihre eigene Identität. Gläubige Herzen vermögen das nicht zu ertragen. Sie dulden keine Götter neben ihren eigenen. Wehe, wenn Normativisten aneinander geraten! Die Vorstellung eines Dauerkonfliktes30 zwischen widerstreitenden Prinzipien gruselt sie, so daß sie stöhnen: „Die rein subjektive Freiheit der Wertsetzung führt aber zu einem ewigen Kampf der Werte und der Weltanschauungen, einem Krieg aller mit allen, einem ewigen bellum omnium contra omnes, im Vergleich zu dem das alte bellum omnium contra omnes und sogar der mörderische Naturzustand der Staatsphilosophie des Thomas Hobbes wahre Idyllen sind. Die alten Götter entsteigen ihren Gräbern und kämpfen ihren Kampf weiter, aber entzaubert und [...] mit neuen Kampfmitteln. [...] Was für den einen der Teufel ist, wird für den anderen der Gott. ‚Und so geht es durch alle Ordnungen des Lebens hindurch ... und zwar für alle Zeit.‘ Mit solchen ergreifenden Worten Max Webers könnte man viele Seiten füllen.“31
Jedem Gläubigen ist die Vorstellung ein Greuel, sein Gott könnte gleichberechtigte Götter neben sich dulden oder müßte gar mit feindlichen Göttern kämpfen. Er möchte die Welt aus einem Prinzip erklären und nicht aus einander widerstreitenden. Der Katholik Donoso verweist die Koexistenz mehrerer gegensätzlicher Ordnungsprinzipien ins Absurde, „weil zwei Götter, die sich widersprechen, und zwei Wesen, die einander abstoßen, durch die Natur der Dinge verurteilt sind zu einem ewigen Kampf.“ Das Böse ist darum nicht wirklich: Es ist nur mangelndes Gutes. Wenn beide auf essentielle Weise existieren würden, könnte kein Prinzip das andere besiegen, und „aus der Unmöglichkeit des Sieges, des objektiven Zieles des Kampfes,“ folgen die Unmöglichkeit und der Widersinn des Kampfs überhaupt.32
Indessen entsteigen dem skeptischen Dezisionisten eben keine Götter ihren Gräbern. Sein nüchterner Blick erkennt hinter jeder Ideologie stets diejenigen Menschen, die sich der Vorstellung kämpfender Götter zu ihrem Nutzen bedienen. Nie wird er wähnen, man brauche nur ein Eigenschaftswort oder Verb zu substantivieren, und so entstünde flugs aus schwarz „die Schwärze“ oder aus laufen „der Lauf“ als ein reales Ding. Gerade so gehen aber viele Normativisten insgeheim vor: Sie hypostasieren das mißbrauchte Wort: machen es also zu einer Wesenheit, die ihr Weltbild regiert. Tatsächlich gibt es aber nicht die Schwärze, es gibt nur schwarze Dinge; es gibt nicht den Lauf, es gibt nur Menschen oder Tiere, die laufen; es gibt nicht die Liebe und den Frieden, sondern nur liebende Menschen und Menschen, die gerade nicht gegeneinander kämpfen. Schon 1540 hatte Lorenzo Valla durch eine solche Sprachkritik das aristotelische System der Kategorien und damit das Rückgrat der scholastischen Metaphysik gebrochen.33 Damit hat er bis heute allen seriösen Ansätzen den Boden entzogen, Ideologien auf Sprechblasen zu gründen. Abstrakte Begriffe existieren nur in unseren Köpfen.34 Ockham prägte den als „Rasiermesser“ bezeichneten Satz, man solle die Anzahl der für wirklich gehaltenen Phänomene nicht ohne Notwendigkeit vergrößern, also nicht Begriffe für außerhalb unseres Denkens wirkliche Gebilde halten.
Dagegen glauben Ideologen, Moralisten, Fromme und andere Normendiener, ihre Ideen und Begriffe gäbe es nicht bloß in ihrem Kopf, sondern auch außerhalb. In ihrem Licht erscheinen bestimmte menschliche Verhaltensweisen als tugendhaft und richtig, andere als Untugenden oder Sünden. Alle Ideen, die er sprachlich zu einem Substantiv aufblähen konnte, hielt Platon für wirkliche Wesenheiten. Auch die Scholastik verteidigte ihre vom Menschen unabhängige Existenz. Im mittelalterlichen Universalienstreit bezog sie mit diesem neuplatonischen Ideenrealismus Position gegen Ockhams Nominalismus. Den Inbegriff der normativen Bestandteile ihrer Ordnung nannte sie ihr Gutes, und den Inbegriff des ihr Widersprechenden ihr Böses. Weil dieses Gute und Böse aber nichts als substantiierte Adjektive auf hoher Abstraktionsebene sind, findet sie der Normendiener nur in seinem Kopf vor. Trotzdem glaubt er heftig daran, sie seien nicht bloß für ihn wirklich vorhanden. Dieser Glaube an die reale Wesenheit bloßer Eigenschaften, ist sein untrügliches Erkennungszeichen. Der Idealismus ist die erkenntnistheoretische Grundlage des Normativisten. Er ist von seiner Idee begeistert, weil er an transzendente Geister glaubt, an Ideen, Ideale, Ideologien und andere Spukgebilde. Er denkt sich wahlweise einen ganzen Himmel von ihnen, angeführt vom großen Geist seines Gottes, oder eine Mutter Natur, deren göttliche Seele alles Irdische erfüllt.
Dagegen wendet der Dezisionist erkenntnistheoretisch den Nominalismus Ockhams: Bloßen Eigenschaften spricht er keine eigene Substanz zu, keine seinsmäßige Existenz. Je mehr Realität oder Sein ein Ding hat, desto mehr Attribute kommen ihm zu. Folglich hat die bloße Eigenschaft für sich die geringste Realität.35 Bloße Eigenschaften nicht, wie die Metaphysiker, für substantielle Dinge zu halten, ist die Leistung einer nominalistischen Denktradition. Sie begann im 14. Jahrhundert mit Ockham, setzte sich mit der humanistischen Sprachkritik fort und wurde auch von Hobbes36 und Spinoza zugrunde gelegt. Aufklärer wie La Mettrie wandten sie konsequent an. Spätestens mit Comte fand sie ihren konsequenten Abschluß. Sie sieht Begriffe wie den des Guten oder den der Ehre als bloß konventionelle Namen für Eigenschaften, Gefühle oder Verhaltensweisen an. Viele haben den Weg zurück gesucht. Sie verstrickten sich alle in geistigen Gefängnissen und ideologischen Fesseln. Heute ist es nicht die Bläue des Himmels oder die Güte Gottes, sondern etwa die Humanität, die für eine Realität gehalten wird statt für eine Eigenschaft. Eine Eigenschaft für eine reale Sache zu halten, wird gefährlich, wenn man auf sie als Wert eine Ideologie baut und konkrete Verhaltensanweisungen an seine Mitmenschen von ihr ableitet.
Damit kein Mißverständnis aufkommt: Daß es nicht die Liebe als abstrakte Wesenheit gibt, heißt natürlich nicht, daß nicht ein Mensch den anderen heftig lieben kann; und daß es die Gerechtigkeit nicht gibt, hindert niemanden an einem von ihm für gerecht gehaltenen Urteil. Die Liebe wie alle anderen substantivierten Umschreibungen von Gefühlen bleibt aber unbedingt angewiesen auf jemanden, der sie empfindet, wie die Gerechtigkeit auf jemanden, der ein Werturteil fällt. Natürlich gibt es Ideen tatsächlich. Nur: wo befinden sie sich, und wer erzeugt sie? Idealisten wie Platon sehen sie an einem „Ort jenseits des Himmels“, der Nominalist bloß im Kopf: Ohne Erzeuger, ohne einen Kopf, der sie sich denkt, endet das Sein aller dieser schönen Worte wie das Licht, wenn die Glühbirne kaputt geht. Es gibt keinen Geist und keine Geister, sondern nur Menschen, die fühlen und denken. Wenn wir abstrakte Ideen wertschätzen, sind sie zwar als unsere Werte wirklich vorhanden, aber eben nur in uns. Sie sind existentiell von uns abhängig, und darum sollen wir sie beherrschen und benutzen und nicht zu ihren Dienern werden. Wer um das Gute einen Heiligenschein malt und sich davorkniet, hat das ebensowenig begriffen wie der Verlierer eines Prozesses, der im Gerichtsflur die Figur der Justitia verflucht, weil sie verbundene Augen hat.
Wer wie Ockham Begriffe als bloße gedankliche Abstraktionsleistungen erkennt, benutzt Prinzipien pragmatisch, wie sie sich ihm eben anbieten. Er käme aber niemals auf die Idee, etwa für eine abstrakte „gute Sache“ zu sterben. Menschen schreiben Ideen auf ihre Fahnen, und mit den sie tragenden Menschen kann man diese Ideen überwinden. In der konkreten Wirklichkeit des politischen Seins, formulierte Schmitt, kämpfen keine abstrakten Ordnungen und Normenreihen, sondern immer nur konkrete Menschen oder Verbände gegen andere. „Das Leben kämpft nicht mit dem Tod und der Geist nicht mit der Geistlosigkeit. Geist kämpft gegen Geist, Leben gegen Leben.“37 Es gibt keine Werte außer in unseren Köpfen, und es kämpfen auch keine Werte gegeneinander, sondern es kämpfen nur konkrete Menschen im Namen von Werten gegeneinander.38 Darum ist der Dezisionist realistisch und pragmatisch.
Wenn er sich einer Ideologie bedient und gezielt-pathetisch seine Götter und Werte beschwört, behält er stets die reservatio mentalis, die ihn im letzten Winkel seines Hinterstübchens leise über sich selbst lachen läßt, wenn seine Fahnen fliegen. Der Normenbenutzer kann sich die distanzierte Selbstironie erlauben, zu der unfähig ist, wer vor seinen selbstgeschaffenen Göttern und ihren Geboten auf den Knien herumrutscht. Er weiß um die aus seiner eigenen Freiheit hervorgehende wahrheitsbildende Kraft: Seine Wahrheitsfindung ist immer bewußte Wahrheitserfindung. „Jedes Urteil,“ das er über ein Objekt fällt, erkennt er als „Geschöpf seines Willens“, an das er sich nicht verliert. Er bleibt der Schöpfer, der Urteilende, der stets von neuem schafft.39 So formuliert Safranski im Sinne Stirners: „Dieses Denken kommt aus der Erfahrung der Freiheit. Sie kann uns darüber belehren, daß wir zwar Wahrheiten brauchen, aber auch das richtige Verhältnis zu diesen Wahrheiten finden müssen. Wir benötigen Souveränität, die zur Ironie und Selbstdistanz befähigt.“ Wer das vergißt, wird zum Diener und eifernden Propheten seiner Wahrheit. Er verliert seine Freiheit gegenüber den eigenen Gestaltungen und Erfindungen.40
Anmerkungen
- 30 Habermas, Faktizität und Geltung, S. 91.
- 31 Carl Schmitt, Die Tyrannei der Werte, S. 54.
- 32 Donoso Cortés, Essay, S. 83.
- 33 L. Valla, Opera, Basel 1540, hier nach Kondylis, Metaphysikkritik, S. 66.
- 34 Ockham: „in mente“, Summa logicae, I Sent. d. 27, q. 3, hier zit. nach Kondylis, Metaphysikkritik, S. 43.
- 35 Spinoza, Ethik, I. Teil, Definitionen; IV. Teil, Vorrede = S. 189.
- 36 Hobbes, Vom Körper, I. Teil, 3. Kapitel, Ziff. 3 ff.
- 37 Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S. 72, 95.
- 38 Kondylis, Macht und Entscheidung, S. 75, 85; Schmitt, Der Begriff des Politischen, S. 95.
- 39 Stirner, Der Einzige, S. 378.
- 40 Safranski, Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?, S. 202, 189, 199.
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis