Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 219–227

Die konkrete Werteordnung

Die republikanische Tugend

Ohne spezifisches, auf das politische Funktionieren des Gemeinwesens gerichtetes Ethos läßt sich ein Staat nur unter den Bedingungen einer Diktatur aufrecht erhalten. Inhalt des republikanischen Ethos ist es, das Volk als politisches Gemeinwesen zu konstituieren. Es ist der einzige Wert, den wir bewußt setzen, notfalls geradezu erfinden müssen. Der Eigenwille und der Trieb zur Gemeinschaft sind phylogenetisch vorfindbare und nicht disponierbare Größen. Der als grenzenlos gedachte Eigenwille und ein ebenso grenzenlos gedachtes Eigenrecht der Gemeinschaft können nicht unversöhnt nebeneinander bestehen. Nach einem genetisch ererbten, politischen Verantwortungsbewußtsein, für ein Ethos des Staates, haben Verhaltensforscher bisher aber vergeblich gesucht. Diese Tugend entspringt offenbar rein kultureller Überlieferung und ist darum besonders störungsanfällig.

Was geschieht, wenn der Gedanke individueller Autonomie sich durchsetzt und die Gemeinschaft verdrängt, erleben wir in Deutschland heute tagtäglich. Was geschehen konnte, als die Gemeinschaft alles und der einzelne nichts galt, haben wir nicht vergessen. Eine freiheitliche Gemeinschaft ohne einen Wert, der zwischen beiden Extremen vermittelt und sie verbindet, kann nicht auf Dauer aufrecht erhalten werden. Gustav Radbruch hatte als dritten Wert die Kultur einführen wollen, und wenn man das politische Gemeinwesen richtigerweise als kulturelle Leistung begreift, hatte er damit recht. Wir sind von Natur aus Kulturwesen, und als Kulturwesen sind wir auch von Natur aus Gemeinschaftswesen - aber: freiheitsliebende! Es ist einfach unbegreiflich, wie der evidente Zusammenhang dieser Werte immer wieder bestritten und mit intellektualistisch halbierter Vernunft immer nur der eine oder der andere Wert verabsolutiert werden konnte.

Wir nähern uns mit dieser Überlegung nicht nur dem Ideenkreis der griechischen Polis, der römischen res publica und neuzeitlichen Denkern seit der Renaissance an, sondern auch der Rezeption dieser alten Ideen durch eine neuere amerikanische Strömung, den sogenannten Kommunitarismus. Die klassische Staatsphilosophie hatte angenommen, der Mensch finde erst als Bürger unter Bürgern seine sittliche Bestimmung. Zugrunde liegt die gemeinsame Einsicht, daß ein Gemeinwesen nur dauernd bestehen kann, wenn es seinen Bürgern die Freiheit ermöglicht, in aktiver Mitverantwortung den Staat zu gestalten und in Permanenz aufrecht zu erhalten. Seine spezifische Tugend beruht auf dem Gefühl unserer individuellen und kollektiven Verantwortlichkeit für die Freiheit jedes einzelnen und den Bestand des Ganzen, das uns diese Freiheit sichern soll. Die republikanische Tugend ist eine freiheitliche und eine gemeinschaftsbindende Tugend zugleich. Sie läßt jeden einzelnen fühlen, daß die Polis in ihm lebe. 544

Der amerikanische Kommunitarismus ist so bescheiden, die Tugenden der eigenen Republik nicht universalieren zu wollen. Maßstäbe für eine objektive Beurteilung von Wertfragen lassen sich nicht vom Zusammenhang der eigenen kulturellen und politischen Überlieferung trennen. Während sich der demokratische Prozeß "nach liberaler Auffassung ausschließlich in der Form von Interessenkompromissen vollzieht", ist das "nach republikanischer Auffassung in der Form ethisch-politischer Selbstverständigung" 545 vor dem Hintergrund gemeinsamer Überlieferung der Fall. Richtig sehen die Kommunitaristen das Ende der Fahnenstange des Liberalismus: In seiner einseitigen Betonung des Eigennutzes hebt er die Voraussetzungen für das Gemeinsame und damit wieder die Voraussetzung für nachhaltigen Schutz des Eigennutzes auf. In einem kommunitaristischen Manifest, das maßgeblich von Etzioni formuliert wurde, heißt es darum, es könne nicht "irgendeine Gemeinschaft auf lange Sicht überleben, wenn ihre Mitglieder nicht einen Teil ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Kraft und ihrer Mittel gemeinsamen Vorhaben widmen. Die ausschließliche Verfolgung privater Interessen löst das Netz gesellschaftlicher Strukturen auf, von dem wir alle abhängen."546 Das Communitarian Movement möchte die Verantwortung für eine gemeinschaftsorientierte Perspektive betonen in einer "Gesellschaft, die immer stärker vom Verlust aller moralischen Normen bedroht ist, zur Selbstsucht neigt und von Raffgier, egoistischen Interessen und einem ungebrochenen Machtstreben gekennzeichnet ist." Angestrebt wird darum ein Gleichgewicht zwischen Individuen und Gruppen.

Damit haben die Amerikaner aber das Rad nicht erfunden, sondern allenfalls wieder gefunden. Ein Staatsethos, das alle Bürger zum Gemeinsinn verpflichtete, war einmal untrennbar mit dem Namen Preußens verbunden. Es wurde in Deutschland schon gelebt, als sich die Vorfahren der Amerikaner noch mit Vorliebe gegenseitig umgebracht haben. Das letzte gilt jedenfalls, wenn wir der Selbstdarstellung ihrer eigenen Geschichte in ihren "Western" Glauben schenken dürfen. Eine geistige Traditionslinie führte dagegen in Deutschland von der Romantik über die konservative Revolution bis in unsere Tage und betont: Zusammengehalten werde die Nation nicht nur durch die staatlichen Institutionen, sondern, mit Worten Moeller van den Brucks, durch "eine lebendige Klammer der Anteilnahme." Diese spezifisch politische Anteilnahme ist die republikanische Tugend, sie ist mehr als Liebe zu Volk und Vaterland, sie ist die tätige Verantwortlichkeit für das politisch konstituierte Gemeinwesen. "Politik," so sieht das auch Jung, "ist das auf die Gestaltung des Gemeinschaftslebens gerichtete Streben des Menschen, eines Volkes. Und dieses Streben gehört zur Gesittung,"547 also in den Bereich der ethischen Tugenden.

Wie schon der preußische Staat - entgegen anderslautenden Legenden - nicht auf Zwang und Kadavergehorsam ruhte, möchte jetzt auch der Amerikaner Taylor gern "die freiwillige Identifikation der Bürger mit der Polis" durch die "Überzeugung, daß die politischen Institutionen, unter denen sie leben, Ausdruck ihrer selbst sind." Gerade durch die Teilhabe am politischen Leben verwirkliche sich der Mensch selbst als Zoon politikón. Weil Opferbereitschaft für ein Gemeinwesen wildfremder Leute auch in Amerika als weltfremd gilt, "setzte Taylor demonstrativ auf Einheit. Verfassungspatriotismus, ein schöner Luxus für Intellektuelle, ist den Kommunitaristen nicht genug. Statt dessen sprechen sie umstandslos von Patriotismus, einer unbedingten, den ganzen Menschen ergreifenden Empfindung, wie sie zur Zeit der französischen Revolution zum ersten Male wirksam geworden ist. Das Bekenntnis zu Prinzipien und Parolen zählt nur so weit, als sich daraus konkrete Pflichten ergeben, die jeder einzelne auch unter Opfern zu erfüllen bereit ist."548

Diese von Taylor auf Aristoteles zurückgeführten Auskünfte hätte er auch in Deutschland einholen können. So etwa bei E.J.Jung, der das Problem 1930 formuliert hatte: "Dem allgewaltigen Staate steht heute eine ungeordnete, im Kampfe aller gegen alle liegende Masse gegenüber. Ihre einzigen Gesetze empfängt sie von ihm, meist mit dem Vorsatze, sie zu umgehen. Diese Summe gleichberechtigter Einzelmenschen bildet die moderne Gesellschaft. Ohne den Geist wahrer Gemeinschaft, ohne innere Verbundenheit leben sie in stummer Gehässigkeit nebeneinander her." Der "Geist wahrer Gemeinschaft", die "innere Verbundenheit" ist das staatsbürgerliche Ethos, die republikanische Tugend. Fehlt diese, werde Demokratie zum "mechanischen Mehrheitssystem" ohne innere Teilnahme ihrer Bürger. Jung trifft sich mit den Kommunitaristen darin, daß "Demokratie ohne gesellschaftliches Eigenleben eine Unmöglichkeit ist."549

Der Staat muß institutioneller Bezugspunkt und Schützer des Gemeinschaftsethos sein: der republikanischen Tugend. Jeder Kommunitarist könnte die Klage Sanders unterschreiben: "Es ist eine der wesentlichen Ursachen für den politischen Niedergang, daß man sich angewöhnt hatte, Individuum und Staat als etwas entgegengesetztes zu betrachten." Das Individuum habe sich seit der Renaissance überhaupt erst mit der politischen Organisationsform des Staates herausgebildet.550 Hier trennen sich die Wege allerdings wieder von Sander, wenn dieser den Staat in deutscher Tradition nach Lorenz von Stein und Hegel gegenüber der Zivilgesellschaft und ihren Verbänden geradezu als Befreier von den sozialen Abhängigkeiten und großen Neutralisator benötigt. Dagegen halten alle Spielarten prozeduraler Gerechtigkeitstheorien "die Idee, daß sich die Staatsgewalt als pauvoir neutre über die gesellschaftlichen Kräfte erheben könne," für eine "insbesondere in der Schule Carl Schmitts verbreitete Ideologie."551 Auch die Kommunitaristen denken eher an eine basisdemokratische Gesellschaft mit sowenig Staat wie nötig. Ihr Gemeinschaftsbewußtsein ist ideell und meint, es brauche möglichst wenig Institutionen, in denen die Gemeinschaft sich verkörpert. Dieser Streit führt letztlich zu Verfassungsfragen, denen wir hier nicht nachzugehen brauchen, weil im Ergebnis alle in der Wertefrage übereinstimmen: Der Staat, die Polis, ist nichts ohne Bürgertugenden, die ihn erhalten.

Diese Einsicht gilt unter amerikanischen Kommunitaristen als linke Position. Auch in Deutschland hält die politische Linke das Einfordern demokratischer Teilhabe für ihre Domäne. Wenn das Eintreten für Teilnahme möglichst vieler Bürger an der Willensbildung, wenn das Gefühl der Verantwortlichkeit für das politisch konstituierte Gemeinwesen, wenn die republikanische Tugend eine linke sein sollte: Dann will ich mich gerne zur Linken bekennen. Zugleich aber daran zu erinnern, daß alle Politik eines Subjekts bedarf, für das gehandelt wird, und daß diese Zurechnungssubjekte nun einmal als Familien und Völker vorfindbar sind, dürfte eine eher rechte Einsicht sein. Der Weg kann nicht vom Individuum unmittelbar zur Menschheit führen, denn einem Subjekt Menschheit würde jenes Gegenüber fehlen, ohne welches Politik nicht denkbar ist. Wer sich auf eine abstrakte Menschheit beruft, verwandelt nur die Politik in Innenpolitik und in letzter Konsequenz den Krieg in einen Bürgerkrieg.

Von der gewohnten politischen Gesäßbackengeographie sollten wir uns ebenso lösen wie von jedem normativistisch inspirierten Freund-Feind-Denken. Alle jene von Normendienern verabsolutierten Ideen: die soziale, die liberale, die nationale und viele andere, entspringen der Beobachtung wirklicher menschlicher Verhaltensweisen. Wir sollten uns nicht auf einen einzelnen von ihnen verkürzen lassen. Ähnlich unübersichtlich verlaufen die Bruchlinien, wenn wir die Geistesfreiheit gegen eine zur Totalität neigende Moralisierung mobilisieren. Es wäre keine kluge Frage, ob das ein "rechter" oder ein "linker" Ansatz ist. Berechtigt wäre hingegen die Frage, ob nicht der Ausgangspunkt des eigennützigen Individuums, das die Gemeinschaft braucht und sie deshalb schützen möchte, ein originär liberaler Gedanke ist. Im Sinne des historischen Altliberalismus wäre diese Frage zu bejahen; nur hatte dieser die Idee des autonomen einzelnen mit seinem gegenüber der Gemeinschaft tendenziell unendlichen Wert noch nicht verabsolutiert. Gegen einen undogmatischen Liberalen, der seine Liberalität als ein Kriterium unter vielen in die Waagschale wirft, wäre nichts einzuwenden.

Sicherlich nicht könnte man unseren Standpunkt als einen konservativen beschreiben, ganz gleich, was man darunter versteht. Der historische Konservativismus, das hat Kondylis aufgewiesen, war durch und durch normativistisch. Während der extreme Liberalismus willkürliche Handlungsfreiheit des Individuums anstrebt, ging der historische Konservativismus der mittelalterlichen societas civilis bis in die Zeit der Gegenrevolution552 davon aus, daß die Menschen von Natur aus Glieder einer objektiven Ordnung sind: der göttlichen ewigen Seinsordnung. Er ließ deshalb die individuelle Selbstbestimmung, das heißt die Entfaltung der Persönlichkeit, nur unter Einfügung in die gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen mit ihren Eigengesetzlichkeiten zu. Auch was sich an heterogenen Strömungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Schlagwort von der konservativen Revolution tummelte, war ohne Glauben an eine vorgefundene Seinsordnung nicht zu denken. Zumeist handelte es sich um Verabsolutierungen des Gemeinschaftsgedankens, die sich, je nach Geschmack, in etatistischen oder völkischen Modellen ausdrückten.

Im Ideenkreis der "konservativen Revolution" hatte eine "jungkonservative" Richtung "zentrale Motive des Neoliberalismus vorweggenommen."553 Für den starken Staat hatte der Schmitt-Schüler Forsthoff554 plädiert, um "die für den Liberalismus lebenswichtige Trennung von Staat und Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Indem sich der Staat vom bestimmenden Einfluß von Interessengruppen befreie, [...] biete er der Massengesellschaft Einhalt," welche Staat und Gesellschaft verschränke, den Staat in der Gesellschaft aufgehen lasse und so die Freiheit unterminiere.555 Der Wunsch nach individueller Freiheit führt zur Forderung nach gesellschaftlicher Autonomie, der gewünschte Fortbestand des Ganzen aber zu einem Staat, der das Ganze zugunsten des einzelnen erhält. Wer beide Werte anerkennt und erhalten will, muß sie zwangsläufig als "Gesellschaft" und "Staat" voneinander zu trennen suchen, um jedem sein institutionelles Eigenrecht einzuräumen. Die hier vertretene Wertetrias führt also zu einem Verfassungsmodell556 das seinerseits historisch auch liberale Vorstellungen enthält, ohne sie zu verabsolutieren. Nachdem der metaphysische Kern eines sich selbst absolut setzenden Liberalismus bisher Objekt polemischer Auseinandersetzung war, ist das eine verblüffend scheinende, aber letztlich nicht zu vermeidende Einsicht. Sie bestätigt sich bei Betrachtung eines der Hauptmotive dezisionistischen Denkens. Dieses liegt nicht in der Beherrschung anderer, sondern in der erstrebten Entlastung von geistigen, ideellen, religiösen und moralischen Herrschaftsansprüchen. In diesem Zusammenhang betonte auch Schelsky "die Tatsache, daß die konsequente Trennung des Rechts von der subjektiven Moral und Gesinnung jeden fast wider Willen zum Liberalen macht ..."557

Geistige Kämpfe haben ihre eigenen Gesetze. Ihr oberstes ist die Erkenntnis, daß Ideen Waffen sind. Nur ein engstirniger, dogmatischer Denkstil läßt eine Idee unbenutzt, nur weil sie dereinst einmal von einem Denker erfunden worden war, der neben anderem auch politisch nicht Korrektes gedacht hatte. Heute dominieren in den Medien freilich jene, "die nicht einmal imstande sind, die gewaltigen Waffen auch nur vom Boden zu heben, mit denen jene heiligen Gelehrten in den katholischen Zeitaltern mit Leichtigkeit fochten."558 Die philosophischen und politischen Grundmöglichkeiten sind begrenzt. Die meisten Gedanken wurden von Bedeutenderen, als wir Heutigen es sind, schon gedacht. Es kann nur noch darum gehen, sie in polemischer Absicht neu zu kombinieren und auf aktuelle Bedürfnisse anzuwenden. "Es ist ein typischer Vorgang der Geistesgeschichte, daß wirksame Formeln und eindrucksvolle Worte im geistigen Kampf erobert und umgedeutet werden." Alle großen Religionen haben ihren Gegnern mancherlei Götter und Heilige entrissen und ihrem eigenen Pantheon eingefügt."559 Zu allen Zeiten, formulierte Kondylis, wurden einzelne Gedanken als Baumaterialien in Denkgebäuden sehr verschiedener Architektonik benutzt. In der Geistesgeschichte setzt sich diejenige Strömung in einer bestimmten Zeit durch, "die imstande ist, fremdes Gedankengut gemäß den eigenen Zielen umzudeuten bzw. umzufunktionieren, so daß dieses schließlich Absichten dient, die mit denen seiner Urheber sogar im Gegensatz stehen können."560 Wir sollten darum ganz von dem krampfhaften Bemühen Abstand nehmen, uns und unsere geistigen Kontrahenten in Denkschablonen pressen zu wollen. Es genügt vollauf, das Leben und die uns verbundenen Menschen ohne normativen Haß und ideologische Scheuklappen zu nehmen, wie sie sind. Was uns dann in politicis bleibt, ist der Wille zur Selbstbehauptung, ohne den Gegner zu verdammen, ist die Freude an einer Existenz, die auch das antagonistische Gegenüber existentiell bejaht. Denn was wäre unser Leben ohne Kampf, der in der genuin menschlichen Welt der geistigen Auseinandersetzung seine edelsten Blüten treibt?

Auseinandersetzungen auch geistig führen zu können, zeichnet uns Menschen vor unseren tierischen Anverwandten aus. Wir entsinnen uns der Worte Konrad Lorenz': Das geistige Leben ist ein Leben eigener, höherer Art. Darauf dürfen wir stolz sein. Die Welt der Ideen und Ideale, der Götter und Tugenden - es gibt sie wirklich: in uns! Wir schöpfen sie täglich neu aus uns selbst ad majorem hominem gloriam. Daß wir dazu fähig sind, bleibt unsere staunenswerte Leistung, allen nihilistischen und materialistischen Zweifeln zum Trotz. Wir haben realistisch erkannt, daß das Denken metaphysischer Ideale untrennbar zum Menschen gehört und geradezu eines seiner Wesensmerkmale ist. Verabschieden müssen wir uns nur von der Hybris, das All sei um unseretwillen geschaffen, wir seien das Abbild eines göttlichen Geistes, und irgendwelche transzendenten Kraftlinien des Universums würden sich ausgerechnet auf unserer lächerlich kleinen Erde in uns kreuzen. In einem bescheidenen Augenblick intellektueller Ehrlichkeit bekennen wir uns selbst zu alleinigen Schöpfern unserer Weltdeutungen. Wir verzichten damit gegenüber unseren Gegnern nur auf die erschlichene Autorität unserer Gedankengespenster. Gerade so öffnen wir uns und ihnen den Weg in einen inneren Kosmos der Ideen, in dem es kein Wahr und Unwahr mehr gibt.

Anmerkungen

  1. 544 Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, S.82.
  2. 545 Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, S.359.
  3. 546 Zitiert nach FAZ 8.3.1994, S.37.
  4. 547 Edgar Julius Jung, Herrschaft, S.20.
  5. 548 Konrad Adam, Was von den Richtungskämpfen blieb, FAZ 12.3.1994.
  6. 549 E.J.Jung, Herrschaft, S.160, 225.
  7. 550 Hans Dietrich Sander, Der nationale Imperativ, S.41.
  8. 551 Habermas, Faktizität und Geltung, S.216.
  9. 552 Panajotis Kondylis, Konservativismus, S.36, 63, 80, 161 ff., 168.
  10. 553 Kondylis, Konservativismus, S.60 Fußnote 91.
  11. 554 Ernst Forsthoff, Rechtsstaat im Wandel, S.26, 39 ff., 74 f.
  12. 555 Kondylis, Konservativismus, S.60.
  13. 556 Im einzelnen: Klaus Kunze, Der totale Parteienstaat, S.178 ff.
  14. 557 Reinhard Schelsky, Der selbständige und der betreute Mensch, S.185.
  15. 558 Juan Donoso Cortés, Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus, 1851, S.60.
  16. 559 Carl Schmitt, Was bedeutet der Streit um den "Rechtsstaat"? (1935), in: ders., Staat, Großraum, Nomos, S.121 (127).
  17. 560 Kondylis, Die Aufklärung, S.267.