Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 69–72
Normsetzung als Machtanspruch
Der Universalist
Ihre weiteste geographische Intensität erreicht das Dominanzstreben, wenn der Normativist seinen Normgeltungsanspruch auf die ganze Welt ausdehnt, indem er für seine Ideen universale Geltung fordert. Die geläufige Taktik dabei ist es, die subjektive Welt-Anschauung universal zu verabsolutieren und so den Normgeltungsanspruch: "Alles hört auf mein moralisches Kommando!", auf die ganze Welt auszudehnen.
Bei Religionen ist das der Regelfall: Jeder Ungehorsame werde sicher Ärger bekommen werde, wenn er sich nicht nach den Geboten ihres jeweiligen Gottes richtet. Nur sehr bescheidene Völker schreiben ihren Göttern nicht gleich die Schöpfung des ganzen Weltalls zu. Derartige aus dem Jenseits begründete, also transzendierte Geltungsansprüche 174 sind der Regelfall gesellschaftlicher Herrschaftslegitimation, sie sind der Kitt des Gemeinschaftlichen schlechthin und spielen bei der Aufrechterhaltung aller sozialen Systeme die ausschlaggebende Rolle. Viel aktueller ist es aber, eine den eigenen Interessen folgende weltliche Moral zu universalisieren. "In der gegenwärtigen planetarischen Konstellation gibt es gewichtige Kräfte und Mächte, die an der Universalsierung bestimmter Werte und somit an der Universalsierung des (ihres) Ethischen interessiert sind" 175
Es spielt für das Funktionieren solcher universalistischer Morallehren keine ausschlaggebende Rolle, ob sie durch friedliche Missionare, durch Kanonenboote oder durch Handelsboykotte verbreitet wird. Wer moralisch-ethische Normen aufstellt, verstärkt und verabsolutiert damit seinen konkreten Einzelbefehl. Dieser richtet sich jetzt universal an die ganze Welt. In seiner Norm verkörpert sich sein Machtanspruch gegenüber dem Rest der Welt. In einer zweiten, archaischen Stufe wird dann der bereits zur geltenden Norm erhobenen allgemeine Befehl noch religiös transzendiert und personifiziert: So wie die alten Germanen meinten, daß da jemand sein müsse, wenn es donnert, und wie sie diesen Jemand Donar nannten, behaupten besonders fundamentalistische Verfechter ihrer eigenen ethischen Ideen, nachdem sie diese zur Norm erhoben und vergessen haben, daß sie selbst Schöpfer dieser Norm waren: Da müsse wohl irgendwo im metaphysischen Jenseits ein personaler Normschöpfer schweben, der durch sein eigentliches Sein dem innersten Wesen der Norm im besonderen Maße entspreche.
Im Christentum wird die völlige Deckungsgleichheit eines Verhaltens mit dem Inbegriff sämtlicher religiöser Forderungen mit dem Begriff des Guten bezeichnet und auf die Person eines vorgestellten Gottes projiziert. So wie die von einem Menschen aufgestellte Norm nichts weiter ist als die Projektion der Machtansprüche dieser Person an die Umwelt, ist auch die Vorstellung eines personalen Gottes als Inbegriff ethischer Tugenden die Projektion der in religiöses Gewand gekleideten Machtansprüche eines Menschen an seine Mitwelt. Menschen, die das bemerken, pflegen an Götter nicht zu glauben, die offenkundig mit ihren Feinden im Bunde stehen. Ihre ebenbürtigen irdischen Feinde können sie besiegen; deren Spuken aber wie eine wirkliche Macht anzuerkennen, hieße es mit der Majestät eines Allgemeinen aufnehmen zu wollen. 176
Je stärker der Strom von Menschen, Waren und Informationen innerhalb eines Kulturraumes ist, desto mehr Menschen werden ihrer engeren Heimat entfremdet und entwurzelt. Großreiche und Einflußhemisphären brachten schon immer Menschenmassen verschiedener Herkunft und Glaubens unter ihre Kontrolle und verwandelten sie in lenkbare Massenmenschen. Je umfassender eine Herrschaft sich geographisch ausdehnt, desto dringlicher ihr Bedürfnis nach einer universalen Herrschaftsideologie. Diese dient dazu, ganz heterogenen Unterworfenen ihre Stammesgötter madig zu machen. Im Innenleben eines Großreiches sind Tugenden wie Eigenständigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung nicht gefragt. Das Bedürfnis nach einer universalistischen Moral ist aber ein wechselseitiges: Wer als Entwurzelter fern der Heimat unter fremden Anschauungen lebt, muß sich trösten und eine Moral der Heimatlosen annehmen, eine überall brauchbare Ethik der Bindungslosen, der Zerstreuten, der Entorteten. In dieser Lage befanden sich die Menschen im ersten historischen multiethnischen Großreich: dem Alexanders und der folgenden Diadochen. Gehlen hat kenntnisreich den unmittelbaren Zusammenhang zwischen der allumfassenden Kosmopolis des Hellenismus und der Ausbildung universalistischer Ideen nachgewiesen. Der in Athen wohnende Phönizier Zenon, ein schwerreicher Händler, fand die passende Ideologie für den moralisierenden Handelsstaat: eine universalistische Weltsicht, nach der alle Verwandtschaftsverbindungen und Stammespflichten vor der Tugend zurückzutreten hätten.177
Was diese Tugend im einzelnen forderte, erläuterten gern die Philosophen, und so hatte jeder seinen Vorteil. Hier entstand der Gedanke eines menschheitsumspannenden Naturrechts. Eine analoge Entwicklung hat sich während des 20. Jahrhunderts abgespielt: Wieder gewinnen in den Quasi-Vielvölkergebilden USA und Europa universalistische Vorstellungen an Boden, so daß Kosmopoliten und Globetrotter sich überall heimisch fühlen dürfen. Der geistige Anspruch einer Menschheitsmoral hat aber auch immer eine polemische Spitze. Sie richtete sich zunächst gegen diejenigen Staaten, die sich der Zumutung widersetzten, sich die amerikanischen Ansichten von Moral, Demokratie und Freiheit zu eigen zu machen. Heute richten diese sich vor allem gegen Staaten Asiens mit gänzlich anderen Ideen vom Verhältnis von Freiheit, Bindung und Religion.
Ebenso wie das Individuum seinen Geltungsanspruch am wirksamsten vorträgt, indem es ihn in die äußere Form genereller Normen hüllt, pflegen auch Staaten - gleichsam wie Individuen - "ihre Anliegen im Vokabular universaler Zielsetzungen und weltumspannender Sozialentwürfe zu formulieren." 178 Mit dieser Formulierung verallgemeinerte Kondylis Carl Schmitts Beobachtung zweier Haltungen: der offenen [dezisionistischen] Machtstaatlichkeit und einem sich [normativistisch] ethisch -moralisch verschleiernden Weltherrschaftsanspruch.179 Als "geradezu klassisches Beispiel reinsten Dezisionismus" führt Schmitt eine Bemerkung des US-Staatssekretär Hughes an, was die Monroe-Doktrin - nichtamerikanische Mächte hätten sich dort nicht einzumischen - jeweils konkret besage: Das "definiere, interpretiere und sanktioniere" nur die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika.180
Ganz normativistisch treten die USA dagegen heute im Namen der Menschenrechte auf, was nach Luhmanns Beobachtung eine "internationale Interventionsethik" begründet. Die Menschenrechte sind für ihn nichts als "eine interessante Denkfigur",181 die auf eine Veränderung des Rechtsbewußtseins hindeute:" Sie begründen den universalen Geltungsanspruch einer konkreten Weltmacht, unter Berufung auf das, was sie als Menschenrecht definiert, notfalls global militärisch einzugreifen. Damit folgt Luhmann Carl Schmitt: Dieser hatte auf das "universalistisch-imperialistische, raumaufhebende Weltrecht" hingewiesen, von dem aus "unabsehbare 'humanitäre' Interventionen völkerrechtlich zulässig sind.182 "Universalistische, weltumfassende Allgemeinbegriffe" seien "im Völkerrecht die typischen Waffen des Interventionismus": eine "imperialistische, unter humanitären Vorwänden in alles sich einmischende, sozusagen pan-interventionistische Weltideologie".183
Wenn liberale Philosophen heute universalistische Vernunftsentwürfe vorlegen und deren Geltung für die ganze Welt beanspruchen, bereitet das objektiv die moralische und informelle Machtübernahme in den infiltrierten Ländern vor. Chaïm Perelman appelliert "an ein universales Auditorium": "In dem Maße, wie der Philosoph seine Entscheidung auf Regeln gründet, die für die ganze Menschheit gelten sollen,"184 könne er keine Regeln aufstellen, die man nicht schlechthin verallgemeinern könne. Solange es aber Interessengegensätze und Wesensunterschiede zwischen Völkern gibt, ist das Aufstellen solcher Regeln immer ein Akt des "Vernunftimperialismus". 185 Diese Philosophen predigen nicht ganz zufällig, aber subjektiv guten Willens den Glauben an eine Menschheitsmoral, der die Weltbank auf dem Fuß folgt. Jede Philosophie mit universalem Anspruch ist eine objektive Bedrohung für jedes Volk, das geistig eigenständig bleiben will. Im lebenswichtigen Punkt seines Glaubens, seiner Moral, seiner Werte gleichgeschaltet und fremdbestimmt, treibt das Volk "der Auflösung entgegen: zur Gegenwehr nicht nur unfähig, sondern auch unwillig." 186
Anmerkungen
- 174 Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, S.23.
- 175 Siehe dazu Panajotis Kondylis, Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg, Berlin 1992, 105 ff.
- 176 Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, S.233.
- 177 Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, S.30.
- 178 Panajotis Kondylis, Ausschau nach einer planetarischen Politik, FAZ 21.10.1995.
- 179 Carl Schmitt, Staatliche Souveränität und freies Meer (1941), in: ders., Staat, Großraum, Nomos, S.401 (408).
- 180 Carl Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte (1939, 4.Aufl.1941), in: ders., Staat, Großraum, Nomos, S.269 (281). Zitat (vgl.Maschke ebd.S.326[12]) nach Hughes, Observations on the Monroe Doctrine, AJIL, 1923, S.616.
- 181 Niklas Luhmann nach E.Straub, Dasein geht durch den Magen, FAZ 2.2.1995.
- 182 Carl Schmitt, Raum und Großraum im Völkerrecht (1940), in: der., Staat, Großraum, Nomos, S.234 (251).
- 183 Carl Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung ..., ebenda, S.285.
- 184 Chaim Perelman, Über die Gerechtigkeit, S.158.
- 185 Den Begriff prägte Kaufmann, Grundprobleme der Rechtsphilosophie, S.228.
- 186 Hans-Dietrich Sander, Die Auflösung aller Dinge, S.109.
Glossar zu Mut zur Freiheit
Bibliographische Angaben zu den zitierten Werken: Literaturverzeichnis