Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (1998), S. 9–17

Die Gedanken sind frei

Norm oder Entscheidung?

Wer für Ordnung eintritt, kann nur zwei philosophische und damit staatspolitische Richtungen einschlagen: Er kann sich den Normendienern anschließen oder den Normenbenutzern. Die ersten: die Normativisten, glauben an die Einordnung des Menschen in einen von einer metaphysischen Ordnung erfüllten Kosmos. Sie wähnen ihn und damit auch sich selbst einer objektiven, aus sich selbst heraus geltenden Seinsordnung unterworfen: Gottes Schöpfungsordnung oder der ewigen Wiederkehr des Gleichen oder dem dialektisch-materialistischen Gesetz der Geschichte; der Vernunftnatur des Menschen oder dem Gesetz des Stärkeren; der Gleichheit aller, die Menschenantlitz tragen oder der Höher- und Minderwertigkeit von Rassen; der westlichen Wertegemeinschaft und unzählige andere mehr. Die einen verweisen für den Ursprung einer angeblichen metaphysischen Seinsordnung auf ein transzendentes Jenseits. Andere vermuten eine im "wahrhaften Wesensgrund" des Diesseits enthaltene: eine immanente Ordnung. Deren Einzelwerte sind ihre Ideale: Ihnen dienen sie wie etwas Heiligem. Als lästige Quälgeister verlangen sie allen anderen Menschen ab, denselben Göttern zu opfern. Ihr penetranter Idealismus will alle Menschen nach seiner Façon selig machen.

Der Dezisionist ist dagegen Realist: Er dient keinen Idealen. Die für ihn geltenden moralischen Normen schafft er sich selbst "voluntaristisch": also kraft seines Willens. Er hält sie sich unterworfen und benutzt sie. Ordnung findet er nützlich, glaubt aber nicht an ein allem Sein innewohnendes, darum universal verbindliches Sollen. Jede gesellschaftliche Werteordnung bedarf einer Person, die sie stiftet. Der Dezisionist hört auf keine Gebote aus einem Jenseits und fühlt sich keiner "Natur seines Seins" unterworfen. Keine soziale Ordnung stellt sich von selbst ein. Er muß Ordnung daher stets neu durch eine bewußte Willensentscheidung selbst schaffen und erhalten. -

Beide setzen sie dem Chaos die Ordnung entgegen: der Normativist eine - seinem Glauben nach - in den Dingen selbst liegende Ordnung und der Dezisionist eine Ordnung, die jemand willkürlich geschaffen hat. Der Vorwurf des Normendieners gegen den Dezisionisten lautet darum, blind zu sein vor einer wahren göttlichen oder natürlichen Ordnung und willkürlich seine eigene zu erfinden. Das kontert der Dezisionist mit dem Gegenvorwurf: So viele Normativisten es gibt, so viele angeblich objektive, einander aber widersprechende ewige Seinsordnungen gebe es. Deshalb müsse sich jeder entscheiden, auch der Normenbenutzer: Gibt es überhaupt metaphysische Wahrheiten; und wenn ja: Welche der vielen Offenbarungen von "Wahrheit" ist für mich die "wahre Wahrheit" und welche Irrtum oder Lüge?

Der Gedankenkosmos des Normativisten ist die Metaphysik: das "Wesen der Dinge", angebliche "Dinge hinter den Dingen" oder das wahre, ewige "Sein an sich". Theologen der mittelalterlichen Scholastik meinten, gesicherte Aussagen über die göttliche Ordnung machen zu können. Neuzeitliche Denker brachten ihre Glaubensgewißheiten ins Wanken. Spätestens mit den Religionskriegen relativierten widerstreitende Theologen ihre Ansprüche auf letzte Weltdeutungen wechselseitig.

Auch in der beginnenden Aufklärung mühte sich die abstrakte Vernunft vergeblich ab, aus der menschlichen Natur moralische Gewißheiten zu gewinnen: Damals löste das Naturrecht die Theologie ab und wurde zur herrschenden normativen Lehre. Es kann sich alles Naturrecht nur mit einem Zirkelschluß halten, indem es aus einem angeblich "natürlichen" Sein ein normatives Sollen folgert. "Die Natur" läßt sich aber weder für noch gegen normative Prinzipien ausspielen. Wenn etwa die Soziobiologie sie beobachtet, vermag sie zwar festzustellen, welche kausal wirkenden genetischen Programme die Tiere und uns Menschen beherrschen. Welche Prinzipien und Normen das menschliche Zusammenleben aber regeln sollen, kann uns die Beobachtung unseres stammengeschichtlich gewordenen Seins niemals lehren. Nur ein falsch verstandener normativierender Biologismus fällt auf den naturalistischen Fehlschluß herein, man könne vom Istzustand der menschlichen Natur auf ein Sollen unserer Ethik schließen. [2]

Gegen die ideologiekritischen Argumente der Dezisionisten können Normativisten keinen zwingenden Beweis führen. Trotzdem soll die normative Ordnung auf Biegen und Brechen gerettet werden mit einer grandiosen Glaubensakrobatik: Moralische Gebote dürften keinesfalls ins Belieben des einzelnen gestellt werden. Sie seien auch - um Himmels willen! - nicht von Menschen erfunden oder gemacht: "Hiergegen spricht in erster Linie, daß sie Deutungsversuche des transzendenten Sollens sind, daß also das Sollen es ist, das den Menschen zum Sinnentwurf seines Daseins in Anspruch nimmt, so daß er sich ihm gar nicht entziehen kann." Damit wird klar: Das Sollen selbst ist es, das uns "im Gewissen verpflichtet." [3] Für den Normativisten existiert das Sollen, weil es existieren soll; so einfach denkt er: nicht logisch, sondern theologisch. Unerträglich ist ihm die Vorstellung, hinter allen geistigen Schöpfungen könnte sich nichts verbergen als ein menschlicher Schöpfer. Weil moralische Ideen nicht bloße "Manifestationen des Willens zur Macht" sein dürfen, schließt er messerscharf, daß sie es nicht sein können.

Den Dezisionisten beeindruckt eine Metaphysik nicht, die ihre Gewißheiten immer nur aus dem Hut zaubern kann wie einen deus ex machina. Für ihn sind Seinsordnungen bloße Hirngespinste. Er lehnt es ab, seine intimsten Wünsche und Hoffnungen in die Wundertüte der Metaphysik zu stecken und als Glaubenswahrheiten wieder hervorzuzaubern. Wenn es überhaupt eine metaphysische Ordnung gebe, sei diese jedenfalls für Menschen nicht erkennbar und beweisbar, eben weil sie transzendent wäre. Wie eine fata morgana flimmert sie beständig am Horizont des Denkens. Wenn wir uns ihr aber nähern und zupacken wollen, verflüchtigt sie sich. Sollte sie überhaupt eine Realität außerhalb unserer Köpfe sein, dann ist sie jedenfalls deshalb für uns praktisch bedeutungslos. Seit der griechischen Antike halten Philosophen die Vernunft oder aber den Willen für "das Wesen des Menschen". Dem einen Glauben entspricht die Idee einer vernünftigen Seinsordnung, dem anderen die eines nur durch Ordnungswillen zu zähmenden Chaos. Die einen fühlen sich vom Vernunftideal abhängig, die anderen ordnen sich ihrer selbstgeschaffenen Ordnung über.

Der Normenbenutzer gelangt zu ganz verschiedenen Konsequenzen, je nach dem, ob er die Existenz einer normativen Ordnung überhaupt bestreitet oder sie bloß für nicht erkennbar oder nicht nachweisbar hält. Dezisionisten sehen den vorgefundenen Kosmos als Chaos. Eine jeden eigenständigen Sinnzusammenhanges und jeder geistigen Ordnung verlustige Welt, völlig angewiesen auf menschliche Bedeutungsstiftung, muß nicht nur ohne von Menschen gesetzte Ordnung in unseren Augen zu einem formlosen Chaos auseinanderfallen: Sie ist dieses Chaos. [4] Es gibt keine ethische Norm, die auf ein solches Chaos anwendbar wäre. [5] Darum muß die Norm gegen das Chaos immer wieder neu geschaffen und durchgesetzt werden durch die Kraft des bewußten Willens. Der Dezisionist kann gegen das Chaos seinen Willen zum Formen und Gestalten setzen. Er ist der bewußte Erzeuger und Stifter des für ihn geltenden Lebenssinnes. Den Seufzer der Normativisten: wenn Transzendenz bloßer Schein wäre, könne der Mensch nicht sinnvoll verstanden werden, [6] weist er als unsinnige Tautologie zurück: Seinem eigenen Leben gibt er nämlich selbst seinen subjektiven Sinn. -

Zum Leidwesen der Normendiener bieten sich viele ganz unterschiedliche Götter und Gebotsnormen zur Auswahl an. Viele verschiedene Normativismen nehmen für sich in Anspruch, allein wahr zu sein und selig zu machen. Selbst ein konsequenter Normativist müßte dem Dezisionisten darum ehrlicherweise zugeben, daß man auch den Glauben an eine bestimmte normative Ordnung zunächst annehmen, sich also für ihn entscheiden muß. Solche Ehrlichkeit würde ihn aber in die logische Sackgasse eines Paradoxons führen: Man kann seine heiligsten Güter nicht der Entscheidungswillkür anheimfallen lassen und gleichzeitig Normativist bleiben. Die typische Geste des Normendieners ist darum das Bestreiten, daß da überhaupt etwas zu entscheiden ist. Es gebe nur eine Wahrheit, darum auch nur ein höchstes Gut und die aus ihm folgenden Normen. Diese Wahrheit gelte es allenfalls zu erkennen und zu vollstrecken. Gegenüber einem solchen universalistischen Wahrheitsbegriff muß jede abweichende Wertentscheidung, die zum Glauben an eine andere Wahrheit führt, als Irrtum, Ketzerei, Häresie oder Lüge erscheinen. "Jene selbstsicheren Zeiten" sind nämlich längst vorbei, als Normativisten "zuzugeben wagten, daß die Axiome ihrer Lehre willensmäßig gesetzt waren - jene Zeiten, in denen offen gesagt wurde: Diese Sätze sind verkündigt worden, und Ihr habt sie zu glauben, erst von da ab dürft Ihr denken."[7]

Das von jedem in die Diskussion mitgebrachte metaphysische Vorverständnis hängt weitgehend von seiner individuellen Persönlichkeit ab: Wer Halt sucht, verteidigt seine Wahrheit normativ, weil er ohne Glaubensgewißheit nicht leben mag. Sein dezisionistisches Gegenüber ist der militante "Romantiker der Entscheidung", der, "manchmal nicht ohne autobiographische Anspielungen, das existentiell äußerste, gleichsam heroische Moment in ihr"[8] hervorhebt. Während der Normendiener an eine harmonische Seinsordnung glaubt, in der sich Ungläubige allenfalls als Störenfriede hervortun und gegen die anzukämpfen sinnlos und verwerflich wäre, glaubt der militante Dezisionist: Das innerste Wesen des Kosmos folge antagonistischen Prinzipien. Sich für oder gegen etwas zu entscheiden, wird darum zur Pflicht und die kämpferische Haltung zur nur noch metaphysisch begründbaren Lebenseinstellung. Sie beweist sich in Worten wie Ernst Jüngers: "Nicht wofür wir kämpfen ist das Wesentliche, sondern wie wir kämpfen." Der heroische Mensch benötigt den Feind geradezu existentiell, um mit ihm zu einer höheren Einheit zu verschmelzen. Er "bejaht sich selbst und den Feind" und "lebt im Ganzen und in den Teilen zugleich."[9] So bleibt dem militanten Dezisionisten als Feind im metaphysischen Sinne allenfalls noch der Normendiener, der "an sittlichen Prinzipien festhält, der um Gut und Böse im materiellen Sinne ringt. Er ist der Abseitige, Andersartige, mit dem es schlechthin keine Verständigung gibt. Er ist der moralisierende Bürger, der sich birgt in seinem Ideengehäuse."[10] -  -

Hinter der Frage: "Ist dem Menschen aufgegeben, sich für eine Normenordnung zu entscheiden?", steckt aber die Falle eines normativen  Sollens. In diese Falle tappt der Dezisionist, wenn er militant wird: Ein Willensmensch wie Nietzsche etwa begnügt sich nicht mit seiner persönlichen Entscheidung nach Belieben. Für ihn gibt es sie doch: jene normative Ordnung, der sich niemand entziehen kann. Sie steckt im Menschen: Sein innerstes Wesen selbst sei sein Wille - also soll er wollen! Der Glaube, das Gesetz des Kosmos sei der Widerstreit oder das Gesetz des Menschen sei sein Wille, ist aber genauso Metaphysik wie der Glaube an eine kosmische Harmonie. Wer keinen Kampfeswillen aufbringt, handelt aus voluntaristischer Sicht nicht menschlich: Wir sollen unserem Willen alles unterordnen, sonst werden wir nie über uns hinauswachsen und wahre Menschen - Übermenschen! - werden. Wird der Wille selbst zur Norm erhoben, kippt der Dezisionismus logisch um in einen extremen Normativismus. Indem der militante Dezisionist den Willen zum Sollen und zum Muß erhebt - "Du sollst wollen!" - hat er sich bereits einer Willensmetaphysik untergeordnet. Er hat seine freie Entscheidungsgewalt bloß geliehen von einer normativen Menschennatur, die ihn zum Wollen verdammt: "Je mehr Wille, desto mehr Existenz", schrieb Kierkegaard. Trotzdem fühlt er sich frei: Er merkt nicht, daß er sich selbst einer normativen Ordnung unterworfen hat. Während fernöstliche Lehren den Menschen vom Wollen erlösen möchten, verdammt ihn der Voluntarist dazu: Jeder Mensch soll wollen, weil es seine normative Natur sei. Die Willensmetaphysiker Schopenhauer und Nietzsche oder der Existenzialist Kierkegaard sind nur sekundäre Dezisionisten: Normativistisch ist ihr Denkstil, dezisionistisch bloß der zufällige Denkinhalt. Militante Dezisionisten merken nicht, daß sie selbst von einem normativen Vorverständnis ausgehen: sie könnten sich dem Primat des Wollen-Sollens gar nicht entziehen. Wir sollten sie darum begrifflich ausklammern und besser als Willensmetaphysiker bezeichnen.

Von der anderen Seite her denkt der fideistische Dezisionist: Dezisionistisch ist sein Denkstil, normativ der auswechselbare Inhalt. Sein Glauben - fides - richtet sich inbrünstig auf die gottgeschaffene normative Ordnung. Gegenüber der Vernunft gibt er dem Willen den Vorzug: Gottes Offenbarung kann nur geglaubt, nicht rational bewiesen werden. Dieser Skeptizismus erschüttert die Zuversicht des Denkens aber nur, um das Vertrauen in den Glauben zu schützen: [11] Ein kleiner franziskanischer Trick der Mönche Duns und Ockham hatte bis heute nicht zu überschätzende Auswirkungen: Gottes Wesen sei sein allmächtiger Wille. Dieser sei die letzte Ursache der normativen Schöpfungsordnung. Alles Gut und Böse sei ein beliebiges Produkt göttlicher Willkür! Damit wandte Ockham sich ab von Platon und Thomas: Dieser hatte Gott für die unwandelbare Idee des Guten selbst erklärt und damit seine Allmacht verkürzt: Gottes Willen steckte damit im Käfig einer idealen Vernunftidee, über die selbst Gott sich nicht hinwegsetzen konnte. Gottes innerstes Wesen sei die berechenbare Vernunft. Nein, widersprach ihm Duns: Sein Wesen sei die Liebe: Sie beruht auf einem nicht rational ableitbaren, also freien Willensakt. Schließlich befreite Ockham Gottes Willen endgültig und setzte ihn über alles Gut und Böse: Es gebe kein Gut und Böse aus der Natur der Sache selbst und keine vorwillkürliche, vernünftigem Kalkül zugängliche Bewertung in Gut und Böse. Gott selbst sei es, der Gut und Böse willkürlich aus dem normativen Nichts erzeuge. Ockham selbst war tief gläubig: Er brauchte kein berechenbar vernünftiges Gutes, weil er sich der christlichen Offenbarung und Gottes Liebe sicher war. Die ungeheueren Konsequenzen seiner Lehre traten später zu Tage: Denkt man Gott aus seinem Weltbild weg, tritt der Einzelmensch sein Erbe als alleiniger Normenschöpfer an.

So wagte doch tatsächlich im "tiefsten" Mittelalter ein Partisan der Geistesfreiheit, das kleine franziskanische Mönchlein Wilhelm von Ockham, frech seine Stimme zu erheben und vorlaut zu behaupten: Wenn Gott wirklich allmächtig ist, dann hat er sogar die Entscheidungsfreiheit, das Gute böse und das Böse gut sein zu lassen. Gott hätte auch eine ganz andere moralische Ordnung schaffen können.[12] Das Böse ist nur böse, und das Gute ist nur gut, weil Gott es will und solange er es will. Gottes Wille ist geradezu das Wesen seines Wirkens. Gegenüber Gott gibt es keine Berufung auf irgendwelche Normen der Sittlichkeit oder des Gesetzes, weil sie alle seiner grenzenlosen Allmacht und Willkür unterworfen sind. Damit war ein geistiger Sprengsatz mit Langzeitwirkung gelegt: Schließlich glaubte man, Gott habe die Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen. Wenn Gott an keine Idee des Guten gebunden ist und an kein ethisches Gesetz, ist er die Freiheit schlechthin. Daraus ergibt sich unmittelbar die Aufforderung des Menschen zur Freiheit. Wäre der Wille der Vernunft untergeordnet, wie Thomas lehrte, gäbe es keine Freiheit. Jede Vernunfteinsicht ist nämlich kausal vorbestimmt und festgelegt; frei ist nur der Wille.[13] Für Ockham steht daher die Freiheit auch des menschlichen Willens "im Mittelpunkt seiner Freiheitstheologie."[14] Das gedankliche Modell, nach dem moralische Ordnungen nur gelten, weil es da jemanden gibt, der ihre Geltung will, begründete bereits im Mittelalter den neuzeitlichen Dezisionismus.

Fideistische Dezisionisten sind auch die fundamentalistischen Katholiken. Namentlich Carl Schmitt geht von der gottgegebenen menschlichen Entscheidungsfreiheit aus: Zwar gehört zum Wesen dieser Freiheit, sich auch gegen die göttliche Ordnung entscheiden zu können. Indem der Mensch Teil der göttlichen Ordnung und mit freiem Willen beschenkt ist, kann er sich zwar gegen Gott entscheiden. Damit entscheidet er sich aber zugleich gegen sich selbst: nämlich gegen das in ihm angelegte Göttliche. So gesehen wird es geradezu zur religiösen Pflicht, sich erstens überhaupt zu entscheiden, und zweitens für die göttliche Ordnung. Das Weltbild des katholischen Christen unterscheidet die göttliche Ordnung von der bösen Unordnung. Ein Ausweichen vor der Entscheidung für Gott oder Satan kann und darf es da nicht geben, denn wer sich nicht für Gottes Ordnung entscheiden will, hat sich damit bereits gegen sie entschieden. "Sage mir nicht," mahnte Donoso, "Du wollest nicht kämpfen, denn im gleichen Augenblick, wo Du dies sagst, kämpfst Du bereits; noch, daß Du nicht wüßtest, auf welche Seite Du Dich schlagen sollst, denn im gleichen Augenblick, wo Du dies sagst, hast Du Dich bereits einer Seite zugewandt; noch erkläre mir, daß Du neutral bleiben wollest, denn wenn Du denkst, es zu sein, bist Du es bereits nicht mehr."[15]

In dieser Vorstellung wurzelt das bekannte Diktum Schmitts: "Wer in der Frage: Neutralität oder Nicht-Neutralität neutral bleiben will, hat sich eben für die Neutralität entschieden. Wertbehauptung und Neutralität schließen einander aus. Gegenüber einer ernst gemeinten Wertbehauptung und -bejahung bedeutet die ernst gemeinte Wertneutralität eine Wertverneinung." Daraus folgt zum Beispiel konkret: "Erklärt ein Teil des Volkes, keinen Feind mehr zu kennen, so stellt er sich nach Lage der Sache auf die Seite der Feinde und hilft ihnen, aber die Unterscheidung von Freund und Feind ist damit nicht aufgehoben."[16] Diese Behauptung Schmitts setzt den Glauben an zwei antagonistische Prinzipien bereits voraus, sonst wäre eine Entscheidung eben nicht unausweichlich. Die dem Dezisionismus entgegenstehende Vorstellung des ewigen Gesprächs: durch Diskussion könnte so etwas wie die Wahrheit gefunden werden, hätten katholische Staatsphilosophen wie de Maistre, Bonald und Donoso Cortés, mit Schmitts Worten, "wohl eher für ein Phantasieprodukt von grausiger Komik gehalten." "Am entscheidenden Punkt die Entscheidung suspendieren," interpretiert Schmitt authentisch seine geistigen Ahnen de Maistre und Donoso, "indem man leugnet, daß hier überhaupt etwas zu entscheiden sei, mußte ihnen als eine seltsame pantheistische Verwirrung erscheinen."[17]

Der konsequenteste ist der deskriptive Dezisionismus seines Begriffsschöpfers Kondylis. Die Zumutung, sich für eine Norm zu entscheiden, weist er zurück und möchte überhaupt keine eigene Stellung beziehen. Während ein Nihilist wie La Mettrie noch im Glücklichsein und ein Dezisionist wie Jünger im entschlossenen Entscheiden höchste Werte sahen, weist ihnen Kondylis einen darin versteckten Normativismus nach. Konsequent erklärt er sämtliche Wertentscheidungen für relativ, allerdings um einen hohen Preis: Wer sogar sein eigenes Leben und die tiefsten Beweggründe seines Handelns zur beliebigen Disposition stellt, verzichtet damit auf aktive Teilnahme am Leben und auf die kalkulierte Anwendung von Ideen als Waffen in der polemischen Auseinandersetzung. Das kann er nicht ohne logische Aporien durchhalten: Wenn sowieso alles relativ ist, ist die Relativität zwar nicht als falsch widerlegt,[18] aber doch selbst relativ. Dürfen wir dann nicht wenigstens einmal am Geist der Relativität sündigen, indem wir etwas absolut setzen?

Tatsächlich erlaubt uns das der deskriptive Dezisionismus: Er enthält sich jeder Sollensmaxime und geht nicht in die logische Falle, die Relativität selbst zum Sollen zu erklären. Logisch folgerichtig übt er metaphysische Askese: Alle Werte erklärt er für relativ, durch die Perspektive des Betrachters bedingt und für Produkte gesellschaftlicher Konventionen. Jede konsequente antimetaphysische Position muß "antiintellektualistisch und antiidealistisch" eingestellt sein. Kein Intellekt ist so erhaben, das Sein in seiner Einheit objektiv zu erfassen und zu deuten. Selbst wer vorurteilsfrei rein positive Wissenschaft betreiben will, schleppt doch zwangsläufig seine methodischen Vorverständnisse und metaphysischen Prämissen mit. Indessen hat diese ernüchternde Einsicht eine tröstende Hintertür: Indem sie hinter allem und jedem menschlichen Denken metaphysische Entscheidungen erkennt, warnt sie zwar vor letzten Gewißheiten, erteilt aber der bewußten Entscheidung für einen Wert Generalpardon. Die offene Hintertür entläßt uns in die Entscheidungsfreiheit, wenn diese auch nur eine "von Skeptikern geschenkte, also unsichere Narrenfreiheit" [19] ist.

Nur der ist aber berechtigt, die theoretisch überlegene Haltung des wertneutralen Beobachters einzunehmen, der nicht mehr glaubt, "es gebe doch etwas zu verteidigen, etwas, das mit dem (wenigstens faktisch angenommenen) Sinn des Lebens zusammenhänge."[20] So blieb Kondylis in seiner theoretisch völlig wertfreien und relativistischen Attitüde kein anderer Lebensinhalt als das spekulative Genießen und unbeteiligte Beschreiben fremder Lebensentwürfe. In dieser beschaulichen Tätigkeit manifestiert sich der Geltungsanspruch des Theoretikers, der für sich in Anspruch nimmt, in die Händel dieser Welt nicht unmittelbar einbezogen zu werden. Es ist die freie Wertsetzung des intellektuellen Genießers, dessen Lebenswelten die Heidelberger Universitätsbibliothek und der griechische Strand sind. Zwischen denen reiste Kondylis hin- und her, um die Früchte abendländischer Geistesgeschichte einzuschmelzen und regelmäßig in Form eigener Geisteswerke ungeheueren Gewichts wieder auszustoßen.

Anmerkungen

  1. [2] Eckart Voland, Grundriß der Soziobiologie, Stuttgart 1993, S.19 f.
  2. [3] Welzel, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, insbes.S.243, 248.
  3. [4] Krockow, Die Entscheidung, S.144.
  4. [5] Carl Schmitt, Politische Theologie, S.20.
  5. [6] So Welzel, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, S.238.
  6. [7] Mohler, Die nominalistische Wende, S.195.
  7. [8] Kondylis, Macht und Entscheidung, S.29.
  8. [9] Ernst Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis, S.76, 108.
  9. [10] Krockow, Die Entscheidung, S.47.
  10. [11] Kondylis, Metaphysikkritik, S.37 f.
  11. [12] Vgl. Kondylis, Metaphysikkritik, S.34.
  12. [13] Welzel, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, S.71.
  13. [14] Koepgen, Wilhelm von Ockham, S.147, 149, 150, 153.
  14. [15] Donoso Cortés, Essay, S.75; vgl. auch ebd. 2.Buch Kap.I, Vom freien Willen.
  15. [16] Carl Schmitt, Legalität und Legitimität, S.49; Der Begriff des Politischen, S.52.
  16. [17] Carl Schmitt, Politische Theologie, S. 69, 78.
  17. [18] Kondylis, Nur Intellektuelle behaupten..., S.688.
  18. [19] Kondylis, Metaphysikkritik, S.490 f.
  19. [20] Kondylis, Macht und Entscheidung, S.120.