Aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit (2. neubearbeitete Auflage 1998), S. 5–7
Vorwort
Nach dem Zusammenbruch der meisten geschlossenen religiösen und ideologischen Weltbilder lautet das große Problem unserer Tage: Woher nehmen wir die letzte Rechtfertigung für humanes Handeln, und wer entscheidet über dessen konkreten Inhalt?
Wer als Philosoph oder Politiker im Wortsinne "human" handeln will, darf sich neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften vom Menschen und vom Kosmos nicht verschließen. Er wird den Menschen als Teil eines Diesseits behandeln müssen, eines von in sich widerspruchsfreien Naturgesetzen erfüllten Kosmos. Nach diesem Abschied von allen metaphysisch, also durch eine Jenseitsidee inspirierten Tugendlehren führt nur ein schmaler Pfad zwischen der Skylla des Nihilismus und der Charybdis des politischen Fanatismus hindurch. Diesen Weg suchen wir.
Der Nihilismus unserer Tage verkörpert sich im technomorphen, nur intellektualistischen, an keine Werte mehr glaubenden Zyniker des Eigennutzes. Wir können diesen Menschentypus weltweit tagtäglich in den Diskos der Massenzivilisation aufsuchen, aber auch in den Büroetagen der Stadtverwaltungen und Parteizentralen ebenso wie an den Stränden von Mallorca und Ibiza. Sein Gegenbild finden wir im hochfanatisierten Terroristen religiöser oder politischer Herkunft, aber überraschenderweise auch in jenen säkularisierten, kerzentragenden Bußprozessionen mit ihrer kollektiven Schamlust, bei den geifernden Bewältigungs-Einpeitschern und ihren Talk-Schauen, in denen der politische Ketzer unter angenehmem Gruseln der Zuschauer in der ersten Reihe so sicher exorziert wird wie in der Zeit der christlichen Inquisition.
Die geistige und ethische Herausforderung besteht darin, uns von diesen Plagegeistern zu befreien, ohne so zu werden, wie sie sind. Es gilt eine Ethik zu entwerfen und zu rechtfertigen, die uns selbst als freien Personen und als Volk nützt, eine Ethik ohne den Anspruch letzter, transzendenter Wahrheiten, eine Ethik, mit der wir unser gebrochenes Verhältnis zu uns selbst wieder finden und unseren Nachkommen eine Zukunft sichern können. Dabei möchte dieses Buch dem Leser helfen.
Wir müssen den Gegner an seinen geistigen Bastionen aufsuchen. Unter den festgezurrten Machtverhältnissen des totalen Parteienstaates, vor den Kanzeln der allgegenwärtigen Medienwelt, da läßt sich ohne politisch formierte Macht nichts gewinnen. Und diese Macht, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, war zu schwach. Wir müssen den Gegner darum ganz still und leise von innen besiegen, mit besseren geistigen und ethischen Angeboten. Besser - das bedeutet: Sie müssen allen Mitbürgern evident sein.
Wer politischen Erfolg sucht, muß seine Strategie und seinen geistigen Entwurf den Zeitverhältnissen anpassen. Auch unsere Mitbürger müssen wir da aufsuchen, wo sie sind: Nicht bei esoterischen Schwärmereien, sondern im Reich des handfesten Eigennutzes. 50 Jahre Liberalismus haben unsere traditionellen Wertvorstellungen abgeräumt und den Eigennutz zur heimlichen Privatreligion unserer Tage gemacht. Nicht gegen ihn, nein, gerade mit ihm als Rückenwind gilt es zu unser aller Eigennutz eine Ethik des Gemeinnutzes anzubieten, eine Ethik, frei von Überheblichkeit, aber auch frei von Selbsthaß. Diese Ethik wird uns nicht geistig fesseln, sondern befreien von den moralischen Zumutungen der Betroffenheitsriten und Bußübungen, sie wird uns frei machen, unser gestörtes Verhältnis zu uns selbst wiederzufinden.
Ganz ohne gedankliche Mühe ist der Durchblick bis zum Kern leider nicht zu haben. Mit Absicht wirft man, wie Nietzsche formulierte, kalte, graue Begriffsnetze über uns, mit denen man uns einzuwickeln verstanden hat und schon unsere Kinder in den Schulen von lebensfrohen Geschöpfen zu bußfertig Zerknirschten herabwürdigt. Wir müssen uns den absichtlich verbreiteten Staub aus den Augen wischen und wie der kleine Junge im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erkennen und ausrufen, daß der Gegner nackend dasteht, daß da überhaupt nichts ist außer uns eingeimpften Wahnvorstellungen. Um diese Geister gründlich und endgültig auszutreiben, müssen wir uns zunächst im Arsenal der Philosophie umsehen und uns mit den Ideen bewaffnen, die von Partisanen der Geistesfreiheit in Jahrhunderten dort angesammelt worden sind. Wenn wir diese Waffen erst einmal handhaben, verwandelt sich die zunächst Konzentration abfordernde Mühe zu einem spielerischen Vergnügen.
August 1995
Vorrede zur 2. Auflage
Philosophiebücher sind keine Massenware. Wenn die erste Auflage dieses Buches trotzdem beachtet wurde, dann in erster Linie bei denen, die sich mit Recht geistig provoziert fühlen durften. Jeder, der das Auseinanderklaffen von Sein und Sollen auf die Tagesordnung setzt, muß mit dem erbitterten Widerstand aller derjenigen rechnen, die ihre Herrschaftsideologie in Gefahr sehen. Jede solche Ideologie lebt von der Behauptung, mit den Gesetzen eines höheren Seins übereinzustimmen.
Panajotis Kondylis schreibt dazu in seinem eben erschienenen neuesten Buch: "Unter den heiklen Umständen der theoretischen Zersplitterung des Seins beim gleichzeitigen Festhalten an der Universalität des Sollens muß sich jener, der die Problematik von Sein und Sollen von neuem auf die Tagesordnung setzt, wie der bekannte Grobian vorkommen, der im Hause des Gehenkten vom Strick sprach. Es ist keineswegs vergessen worden, daß derartige epistemologische Überlegungen nicht nur auf dezisionistische Erklärungen der Natur und der Funktion von Werten und Normen hinausliefen (Max Weber ist das prominenteste Beispiel dafür), sondern auch vernichtende Kritiken des Naturrechts zeitigten (als Zeuge sei hier die grandiose wissenschaftliche Leistung von Hans Kelsen angeführt). Die Antwort oder vielmehr die Reaktion auf solche Erinnerungen sind entweder das Verdrängen und Totschweigen der ganzen Fragestellung oder Widerlegungsversuche, die im Grunde nur anzeigen, wie sehr die Fähigkeit zum scharfen begrifflichen Denken eben unter der Preisgabe solcher Fragestellungen und solcher grundlegenden Denkübungen gelitten hat."[1]
Das scharfe begriffliche Denken scheint umso mehr zu leiden, als ideologische Bedürfnisse oder der Wunsch nach Karriere im Dienste parteipolitisch instrumentierter Behörden ein bestimmtes Urteil vorgeben. Das wäre verzeihlich, weil es zu erwarten war. Unverzeihlich in der geistigen Arena ist es aber, wenn einer noch nicht einmal imstande ist, den Witz eines Argumentes auch nur zu begreifen; wenn dieser nämlich darin liegt, sich frech der hübschesten Bonmots ausgerechnet der Säulenheiligen gegnerischer Ideologien zu bedienen.
Die hier vorgelegte 2. Auflage wurde in der Gliederung leicht überarbeitet und um Nachweise aus einigen wesentlichen Büchern älterer Autoren ergänzt. Diese Zitate und Fußnotennachweise sollen dem Leser helfen, die historischen Ursprünge der einzelnen philosophischen Denkansätze und ihre Zusammenhänge untereinander nachzuvollziehen.
November 1997
Anmerkung
- [1] Panajotis Kondylis (*1943 – 11.7.1998), Montesquieu, S. 40.